Ordnung ist das halbe Leben wurde mir bereits als Kind gepredigt und so gab ich mir stets Mühe, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Ich tat es aber nicht in dem Sinne, welcher gemeint war. Ich hielt Ordnung auf meine Weise, also stets nur dort, wo es mir passte und sinnvoll erschien. In meinen Schulheften zum Beispiel, herrschte immer Ordnung, auch eine vernünftige Handschrift. In meinem Zimmer hatte ich wichtigere und aufregendere Dinge zu tun, als Ordnung zu halten. Statt großartig aufzuräumen, las ich viele schöne und spannende Bücher. Hörte leidenschaftlich gern Musik. Bildete mich mit Fernsehen.
Bis heute liegen in meiner Wohnung stets einige Sachen herum die andere, ordentlichere Menschen als ich, umgehend fein säuberlich an ihre vorbestimmten Plätze legen würden. Hätten die Dinge in meiner Wohnung eine Seele, so könnte ich behaupten, sie hätten ein sehr interessantes, bewegtes Dasein. Ein frisch eingekauftes Glas Marmelade kann durchaus mal eine Nacht neben dem Badreiniger verbringen, bevor ich beiden den richtigen Platz zuweise. Da das nicht häufig passiert, hätten sie sich bestimmt eine Menge zu erzählen. Sie könnten sich auch einmal darüber austauschen, ob sie glücklich oder traurig sind. Meine Kleidung, Schuhe und Mützen räume ich oft erst Tage später in den Schrank. Das liegt wohl daran, dass ich sie mir gern noch eine Weile ansehe, bevor ich sie, für unbestimmte Zeit, hinter geschlossenen Türen verschwinden lasse. Mein sauber gespültes Geschirr darf es sich tagelang im Abtropfgestell gemütlich machen, ehe es wieder, immer am gleichen Platz im Schrank stehend, darauf warten muss, mir zu dienen. Manches Mal entsteht durch mein Verhalten ein kleiner, gelegentlich auch größerer Küchenstau. Das heißt. sauberes Geschirr tummelt sich trocken und noch wohlig warm im Abtropfgestell, während schmutziges schon wieder in der Warteschlange steht, um endlich eingeschäumt zu werden. Ebenso ergeht es meiner Wäsche auf dem Wäscheständer. Die schönen Kleidungsstücke lasse ich oft noch Tage lang eng aneinander geschmiegt miteinander kuscheln, ehe ich sie energisch abräume, zusammenlege und verstaue. Meine Edelstahlspüle in der Küche und auch ihre schicke Armatur müssen manchmal schon einige Zeit warten, ehe ich sie auf Hochglanz bringe. Doch dafür ordne und entstaube ich regelmäßig meinen Verstand. Und mein Herz poliere ich täglich bis es glänzt. Darin bin ich äußerst diszipliniert. Niemals lasse ich Gefühle und Gedanken achtlos draußen herum liegen. Sie sind mir viel zu wertvoll dafür. Ich stecke sie auch in keine Schubladen. Aber ich besitze eine Menge hübsche, farbige und bemalte Schachteln und Kästchen. In die kommen sie, gut sortiert und geordnet, hinein. Aber erst nachdem ich lange und gründlich nachgedacht habe.
Da gibt es ein grünes, großes Kästchen, darin befinden sich alle meine schönsten und kostbarsten Erlebnisse. Dort ist viel Liebe aufbewahrt. Freude bis hin zur Euphorie. Überraschungen, die mich einst sehr glücklich stimmten. Verständnis für meine Mitmenschen. Zuwendung von Freunden. Übereinstimmung mit der Familie. Glückliche, harmonisch verlebte Stunden. Eine Menge Erotik, Empathie, Begeisterung und viel wilde Leidenschaft. In der himmelblauen, von zarten, kleinen Grashalmen übersäten Schachtel, stecken meine Träume. Und sehr romantische Geschichten aus der Vergangenheit. Aber auch die von letzter Woche. Die grell orangefarbene Kiste enthält meine verrücktesten und aberwitzigsten Ideen, welche ich jemals hatte. Aus Vernunft verwarf ich sie und kann sie wohl gerade deshalb nicht vergessen. Im transparent geblümten, lila Karton, der ein bisschen nach Vanille duftet, ist die Sehnsucht geordnet. Und auch meine Geheimnisse sind dort untergebracht. Im größten aller Kartons, dem roten mit schwarzen Punkten, bewahre ich meinen Ärger, meine Wut und meinen Frust auf. Sämtliche Enttäuschungen befinden sich darin. Und auch kleine, gelbe Notizzettel, die mich daran erinnern sollen, wem ich auf gar keinen Fall vergessen darf, noch in den Hintern zu treten. In der schwarzen, matten Kiste, befinden sich mein Kummer, meine vergossenen Tränen und meine Angst.
Der Grauschleier meiner Fenster ist für mich nur Nebensache, nicht aber der Grauschleier auf meiner Seele. Diesem Seelenschmutz sage ich sofort den Kampf an. Ein schmuddeliges Fenster zu waschen ist ein Kinderspiel. Den Grauschleier von der Seele zu putzen, verlangt hingegen Klugheit, gründliches Nachdenken, Einsicht, Mut, Geduld, intensive, gehaltvolle Gespräche und extrem viel Liebe. Auch schlechte Laune, versuche ich umgehend zu beseitigen. Am besten gelingt mir das mit viel frischer Luft, einer schnellen Biketour über die Felder. Den weiten Himmel tröstend über mir. Wenn der Wind mir ins Gesicht wirbelt, dann weht er mir meist auch den letzten trübsinnigen Gedanken aus dem Kopf. Wenn es regnet, muss meine Musiksammlung herhalten. Ich wähle meine Lieblingsmusik und höre sie so laut es nur geht. Musik fetzt mir üble Laune direkt aus dem Hirn. Manchmal gelingt es ihr auch nicht, dann macht sie mich sogar noch trauriger. Dann handelt es sich um einen besonders üblen Tag. Ich habe sicher einen getrübten Blick für den Staub auf meinen Möbeln, aber dafür habe ich einen Blick für das Wesentliche. Wahrscheinlich nehme mir nicht ausreichend Zeit, hinter dem Staub herzuwedeln um ständig den Schmutz zu vertreiben. Sicherlich schenke ich ihm nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit. Dafür aber nehme mir stets genügend Zeit, meiner Familie, meinen Freunden und Nachbarn interessiert zuzuhören. Es ist mir ein großes Anliegen, niemanden hängen zu lassen.
Doch manchmal zweifle ich, ob ich nicht zu viel von meiner Zeit verschenke. Fest steht, dass mein großzügiger Umgang mit ihr von Vorteil für meine Wollmäuse ist, da ich sie nicht so schnell mit dem Staubsauger vernichte wie es ordentliche Menschen tun würden. Dank meiner Lässigkeit genießen sie ein langes und angenehmes Leben auf meinem edlen Parkettboden und dürfen ausgelassen tanzen und herumwirbeln. Zugegeben, manchmal treiben sie es ein bisschen heftig, aber niemals so wie manche meiner Freunde, die mir immer mal auf der Nase herumzutanzen pflegen. Auch die Wäsche hätte es dringend nötig, gefaltet zu werden. Sie hängt nun schon seit Tagen auf dem Ständer. Aber heute sollte ich unbedingt versuchen, die Stirnfalten zu glätten, denn ich sehe angestrengt aus. Draußen regnet es zu heftig, um wieder über die Felder zu radeln und ob Musik mir heute helfen kann, weiß ich noch nicht so genau.
Es kommt oft vor, dass mir die Spaghetti oder der Zucker ausgehen. Das ist nicht weiter tragisch. Essen kann ich sofort im nächsten Laden nachkaufen. Schlimm fände ich es, würden mir die schönen Ideen fehlen, wie ich mein Leben, trotz einiger Ärgernisse und Enttäuschungen, bunt, interessant und glücklich gestalten kann. Denn dann würde mir die Lebensfreude ausgehen und die gibt es nicht wie Zucker nachzukaufen.



