Eingeschlossen in einem Schleier aus Gedanken, irre ich heute kopflos umher. Zweifle an mir und meinen Gefühlen. Die steinernen Wände erdrücken mich. Das Licht der Fackeln, die den Gang erhellen, ist heute zu schwach, um meine Augen zu erreichen. Wind weht über den Sumpf und dringt pfeifend durch die geöffneten Fenster in mein Schloss.
Was mache ich falsch? Ich bin es nicht gewohnt etwas richtig zu machen, nicht was Beziehungen angeht. Ich habe es immer versucht, aber nie geschafft. Habe Angst eingesperrt zu werden.
Es klopft an der Türe. Die festen Schläge auf das dicke Holz erfüllen die großen, weiten Gänge mit dumpfen Pochen. Ich eile, öffne das knarrende Tor. Draußen steht die Sehnsucht. Mit grimmigen Gesicht starrt sie mich an. Mir scheint, sie ist seit ihrem letzten Besuch auf das doppelte gewachsen. Es brennt mir auf den Lippen, sie zu fragen, ob sie zugenommen hat. Ich verkneife es mir, wohl wissend, dass sie keinen Humor hat und sich mit der Rache allzugut versteht. Ich will das Tor schließen, aber sie tritt schnell ein. Sie quetscht sich an mir vorbei und verdrängt im Gang den Rest des Lichtes. Ich geh in ihrem Schatten. “Die fette Sau!”, denke ich, als sie mein Labor betritt und meinen Sessel in Beschlag nimmt.
“Was kann ich für dich tun?”, fragt sie mit säuselnder Stimme. Fast wie ein Kind klingt sie, so unschuldig. Überrascht reiß ich die Augen auf.
“Was Du für mich tun kannst?”
”Ja!”
“Du? Was hast du je getan? Du versuchst ständig mich einzufangen, mich in Ketten zu legen und scheinst daran noch Spass zu haben!”, entgegne ich verärgert. Überrascht von meinem Mut und meiner Frechheit, ihr die Stirn zu bieten, zucke ich zurück. Wieder einmal spüre ich Feigheit aufsteigen.
“Nie habe ich dich so gequält!”, entgegnet sie ohne eine Regung. “Ich bin nur hier, weil mich die Liebe schickt!” - sie sagt dies ohne Hohn, scheint es ernst zu meinen. Meine Neugier wächst. Sie greift mit ihren fetten Fingern auf meinem Tisch herum. Am liebsten würde ich ihr jetzt die Hand abhacken, sie soll mein Zeug in Ruhe lassen. “Nicht die Feder”, denke ich, “nicht die Feder”. Als hätte sie meine Gedanken gehört, dreht sie sich zu mir.
“Die Liebe wär gern selbst gekommen, aber wie du sicher siehst … habe ich in letzter Zeit”, sie blickt an sich herab und macht eine weite Geste mit den Händen, “ein wenig zugenommen.” Ein Grinsen formt sich auf ihrem Gesicht.
“Aber, naja … Du solltest mal die Liebe sehen. Ich kam voraus geeilt, nur um dir zu sagen, dass sie auf dem Weg zu dir ist.”
Alle meine Ängste fallen plötzlich ab, als die Sehnsucht laut zu lachen beginnt.
“Dachtest du etwa ich käm den Weg zu dir allein?”
Jetzt sitze ich hier und trinke, aus pechschwarzen Kelchen, mit der Sehnsucht Wein und warte, bis die Liebe an die Türe klopft. Wir lachen und machen Witze.
“Es kann nicht mehr lange dauern”, versicherte mir meine neue, große Vertraute.