Ich war ihr im Bild. „Setz dich halt mal hin“, sie schob mir einen Stuhl unter den Hintern. „Ich kann so nichts sehen.“ Ich setzte mich. Es war an einem Discoabend nach dem Realschulabschluss, während meiner Abizeit. Um die mickrige Tanzfläche herum standen hölzerne Barhocker und auf einem dieser saß ich nun. Neben ihr. Sie war das Wesen, das man zuletzt hier erwartet hätte. Ich kenne mich in den Untiefen des Fantasy-Universums nicht gut aus, aber wenn es so etwas gibt, dann war sie eine düstre Elfe. Sie war ein Mädchen mit hellerer Haut und rötlichem Haar, zerbrechlich wie Spielzeug, ich war geblendet. Selbstverständlich war sie unerreichbar für mich. Ich versuchte nicht einmal, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Schließlich war ich nur wegen Katja hier. Katja war so etwas wie meine erste Freundin gewesen. Seit Wochen versuchte ich, sie wieder zu gewinnen. Aber Katja war nie da.
Vor Katja war ich noch ein kleiner Junge. Vor Katja war es das Aufregendste für mich, wenn ich meinem Dad beim Laufen hinter her kam oder heimlich mit meinen Master of the Universe Figuren, für die ich eigentlich zu alt war, spielte. Laufen war mir nun egal, Frauen fand ich jetzt aufregend, aber nur, wenn sie Katja waren.
Dann sagte die düstre Elfe irgendetwas Selbstbewusstes, Großartiges und als nächstes wankte ich ihr auf dem Parkettboden hinterher.
Ich tanzte also mit ihr und ich wusste nicht, wie sie tanzte und ich wusste auch nicht, wie sie es schaffte, von unten her zu schauen, als schaue sie auf mich herab.
Ich war verzaubert. Aber der Zauber hielt nur so lange an, bis wir an einem der großen Spiegelwände vorbeikamen. Dort sah ich einen ungelenken Typen mit einer zu erklärungsbedürftigen Frisur, einem zu ausgefülltem T-Shirt, die zu stampfenden Füße mit Dokers Schuhen beschlagen, welcher ein zartes Wesen umklammerte und mit sich riss wie das Opfer in Falcos “Jeanny”. Küss mich, ich bin ein verzauberter Prinz gefangen in der verspäteten Pubertät. Ich rette mich in alberne innere Monologe, wenn die Verzweiflung groß wird.
Als wir wieder saßen, konnte ich mich nur mittels meines Kleinhirns unterhalten. Ich war bemüht, an den richtigen Stellen „ja“, „nein“ oder „finde ich auch“ zu sagen. Sie fragte nach meinem Namen und ich erinnerte mich erstaunlich schnell an ihn. Ich hörte mich fragen:
„Und du heißt?“
„Luisiene.“
Luisiene. Luisiene, Luisiene, ich summte ihren Namen, in meinem Kopf natürlich, Luisiene, Luisiene, Luisiene.
„Nie gehört.“, entgegnete ich.
Ich konnte mir nicht erklären, warum sie mit mir redete. Über nichts, was ich sagte, lachte sie. Mehr noch, nichts, was ich sagte, ließ sie auch nur einen Moment innehalten. Aber ihr spöttischer Blick ruhte unverwandt auf mir und ihr spöttischer Mund redete immer weiter und als die Musik ausging und der DJ sich verabschiedete, stand sie auf, zog ihre Jacke an und wartete, bis ich meine angezogen hatte. Wir gingen also zusammen nach Hause. Sie roch, als würde sie an einem sonnigen Ort mit hunderten Orangenbäumen leben. Ich ging kurz etwas langsamer, um diesen Duft in meiner Nase zu speichern.
„Mein Freund tanzt leider nicht.“
Über meinem Kopf zerplatzte in einer Denkblase mein Herz. Ich war kurz davor gewesen sie nach ihrer Telefonnummer zu fragen. „Hast du die Nummer, dann hast du die Frau“, sagte mein Kumpel immer. Der sagte auch: „Ein Freund ist ein Grund, kein Hindernis.“ Aber ich war der Prüfung nervlich nicht gewachsen, um die unerreichbare Luisiene unter diesen erschwerten Umständen zu werben. Dann kamen wir an ihrem Elternhaus an.
„Wir sehen uns bestimmt noch mal“
„Ja, klar.“
Und verschwunden war sie.
Am nächsten Samstag war sie nicht da. An den nächsten beiden auch nicht. Als ich sie wieder sah, tat ich so, als würde ich sie nicht sehen. Ich hielt mich deprimiert an einer Cola fest und versuchte, an etwas anderes zu denken als an sie. Plötzlich stand sie vor mir und es fiel mir schwerer sie zu ignorieren. Sie zog mich auf die Tanzfläche und erzählte mir, dass sie sich von ihrem Freund getrennt habe.
Ich war stumm vor Glück und setzte ein lässiges Gesicht auf, wirbelte sie allerdings bei “Lollipop-Lollipop” so heftig umher, dass wir fast in die Stühle fielen.
„Mein neuer Freund findet es hier auch doof.“
Ich ließ sie fallen. Beinahe.
Ab da war ich wehrlos. Sie machte mich zu ihrer besten Freundin. Wir trafen uns regelmäßig, wir gingen Einkaufen, ich gewöhnte mich an ihren Anblick und verhielt mich fast normal in ihrer Gegenwart. Ich beriet sie in Beziehungsfragen. Wäre Selbstverleugnung eine sportliche Disziplin, ich hätte meine Konkurrenten gedemütigt und jeden Rekord gebrochen. Ich erzählte ihr sogar von Katja, die nicht halb so schön war wie sie, was ich aber verschwieg. Mein Blick fiel auf Luisienes Hände. Abgenagte Fingernägel. Ich freute mich, einen Makel an ihr entdeckt zu haben. Irgendwann waren Luisiene und ich wieder beim Tanzen. Meine Lippen waren ausgedörrt - wie immer in ihrer Gegenwart. Ich befeuchtete sie geistesabwesend mit meiner Zunge.
„Sind deine Lippen trocken?“, fragte Luisiene.
„Ich hab da was für dich.“
Sie zog mich auf die Mädchentoilette, schloss hinter uns ab und leckte mir über die Lippen. Dann setzte sie noch einmal an, ich öffnete den Mund diesmal handelte es sich eindeutig nicht um eine kosmetische Maßnahme.
„Und was ist mit deinem Freund?“
„Das bleibt unter uns.“
In den nächsten Wochen wurde ich immer besser beim Laufen. Auch die T-Shirts passten besser.
Luisiene traf ich nie wieder.